Kreative Blockade

Du hast dein bestes Material, deine brandneuen Werkzeuge, deinen dekorierten Arbeitsplatz, glorreiche Pläne… Und es geht einfach nichts. Du kannst nicht anfangen, und fühlst dich lächerlich. Zornig und unfähig. Unkreativ und plump. Du gehst in deine lieblings Facebookgruppe und siehst – „zack“ wie eine Ohrfeige – Werk um Werk, das stolz präsentiert wird. Einiges davon ist toll, anderes findest du, hättest du besser gemacht. Doch der Blick auf deinen wartenden Arbeitsplatz straft diesen Gedanken Lügen. Weil du noch nicht begonnen hast.

kreative blockade

Youtube, Facebook, Pinterest und so weiter sind voll von Anleitungen, Berichten und professionellen Fotos, die für Kreativität werben. Ein Wasserfarbenbild „so easy“, ganz einfaches Upcycling von Kleidern, die Knallerdeko zu jedem beliebigen Thema und Anlass, Kochrezepte – entweder mit einer gefühlten Million oder fast ohne Kalorien – es hat für jeden Geschmack genug Inspiration.

Genug ist genug

Aus dem Genug wird schnell einmal ein Zuviel. Das weisse Blatt bleibt auch nach dem siebenundzwanzigsten Video Tutorial weiss. Der Stoff schneidet sich nicht von alleine zu. Die ausgesuchten Papiere harren ausgebreitet der Stempel, die da kommen oder auch nicht. Der Text schreibt sich nicht von alleine. Auf Youtube haben wir die Vorlage gesehen, es soll toll werden. Und es ist so einfach. Noch einmal zum Video – aus einem Video werden zwei Stunden und das Material bleibt liegen. Am Arbeitsplatz entwickelt sich langsam diese vorwurfsvolle Athmosphäre der Niederlage. Die Youtube Videos machen immer weniger Spass, Pinterest verliert seinen Reiz, alles ist doof.

Kreative werden bewundert für ihre Fähigkeit, scheinbar aus dem Nichts Dinge entwickeln zu können. Zusammenhänge und Kombinationen zu sehen, die anderen verborgen bleiben. Sie scheinen einen unerschöpflich sprudelnden Quell von Ideen zu besitzen, der es ihnen leicht macht, mit immer neuen Werken zu glänzen.

Wie sieht es wirklich aus?

Kreativität ist nicht ein magisches Etwas, das aus dem Nichts auftaucht. Das Erschaffen von neuen Ideen ist mehr etwas wie Fitness. Man ist nicht plötzlich fit, weil man sich Laufschuhe kauft. Fitness erreicht man durch regelmässiges Training und gesunde Ernährung über einen längeren Zeitraum. Ausdauer, Regelmässigkeit und Hingabe.

Kreativität lässt sich nicht auf Knopfdruck einschalten, es entsteht durch Routine und Übung. Wie ein Läufer, der die Vision eines Marathons in sich trägt, zu laufen beginnt, und dabei täglich seinem Ziel etwas näher kommt, können Kreative das Erschaffen üben. Auch dabei ist die Regelmässigkeit wichtig. Es muss nicht jeden Tag ein Marathon sein, wichtig ist es, dran zu bleiben und eine Routine zu finden, die in den Alltag passt.

Wie fange ich an?

Der erste Schritt ist der Schwierigste, aber auch der Wichtigste. Ohne den ersten Schritt gibt es keinen zweiten Schritt, keinen dritten Schritt und erst recht keinen Marathon. Einigen fällt es leicht, diesen ersten Schritt zu machen. Sie laufen einfach los, fangen einfach an. Andere bleiben stehen und sind überwältigt vom grossen Ziel, das sie haben. So eingeschüchtert vom Vorhaben, dass sie nicht beginnen können. Läufer um Läufer zieht an ihnen vorbei und sie fühlen sich immer unfähiger.

Foto: cc by Tom Rydquist Footprints in the Sand

Foto: cc by Tom Rydquist Footprints in the Sand

Die Lösung kreativer Blockaden

Als erstes sollten die am einfachsten zu lösenden Probleme beseitigt werden. Die Grundvoraussetzungen müssen geschaffen werden. Wer zeichnen will, braucht Bleistifte, Gummis und Papier, oder Tinte… Wer nähen will braucht eine Nähmaschine, Faden und Stoffe… Viele von uns haben nicht viel Geld übrig um sich gleich wie ein Profi einzudecken, aber das ist auch gar nicht nötig. Wirklich nicht. Es geht darum anzufangen, und das bedeutet, dass wir uns das allernötigste beschaffen, das wir brauchen.

Meist ist allerdings nicht der fehlende Bleistift der Ursprung unserer Blockade. Ein Cocktail von Gefühlen, von verborgenen Ängsten und Befürchtungen hält uns vom Schaffen ab. Innere Stimmen wollen uns weis machen, dass all unsere Versuche zwecklos sein werden.

Ein Schritt zurück

Es ist einfacher die Blockade hinter uns zu lassen, wenn wir einen Schritt zurücktreten und die Sache aus einer anderen Perspektive betrachten. Dabei kann ein Spaziergang, das Wechseln des Arbeitsplatzes oder unseres Mediums, eine andere Arbeit den Knoten lösen… Ein Perspektivenwechsel kann wahre Wunder bewirken. Warum nicht die Gelegenheit nutzen und den Abwasch erledigen? Kleine erledigte Arbeiten lassen einem oft befriedigt und beschwingt wieder ans Projekt zurückgehen. Wichtig ist, dass einem diese Arbeit gedanklich nicht zu sehr einnimmt.

Waldweg

Angst vor Kritik

Wenn die Angst vor Kritik, die Angst vor dem Versagen übermächtig wird, denk daran, dass du sie hinter dir lassen kannst. Stell dir vor, dass das alles gar nicht so wichtig ist, dass es ein grosses Spiel ist, dass es nicht schlimm ist, einen Fehler machen. Es ist ja nur ein Spiel. Wir können uns auch vorstellen, dass gar nicht wir selber, sondern ein Freund oder ein Nachbar unsere Arbeit macht. Diese Sichtweise kann sogar unser eigenes Schaffen bereichern, da die andere Person ihre Arbeits- und Sichtweise mit einfliessen lässt. Die blockierende Angst vor Kritik lässt sich überwinden, indem man sich vorstellt an einen neugierigen Freund zu schreiben, statt an ein Millionenpublikun zu denken. Vielen Dank Heike Thormann für diese wertvollen Gedanken.

Lass dich nicht von deinem inneren Kritiker einschüchtern.

Sag ihm ruhig aber bestimmt, dass er dich nicht stören soll, bei deinem Vorhaben. Beweis ihm (oder ihr), dass du es schaffst, etwas zu schaffen. In ganz hartnäckigen Fällen kann es nützen, diese inneren Störefriede mit einer anderen Stimme sprechen zu lassen. Dieser kleine aber wirkungsvolle Trick nimmt den Gedanken ihre Macht und hilft zu distanzieren. Eine Donald Duck Stimme, die uns sagt, dass wir unfähig sind, können wir nicht ernst nehmen…

Chronisch Ideenlos

Du hast keine Ideen, dann wenn du sie am dringendsten brauchst? Skizziere, notiere… Mach das festhalten deiner Gedankenblitze zu einer Gewohnheit und das Notizheft zu deinem festen Begleiter. Mit der Zeit hast du einen reichen Fundus aus dem du schöpfen kannst.

Foto: cc by nc sa Iva Elina

Foto: cc by nc sa Iva Elina

Fehlendes Können

Vielleicht hast du auch Angst deinen schönen Stoff zu verschneiden, weil du dir (zu Recht oder zu Unrecht) nicht zutraust, was du vorhast. Übe. Werde besser. Aber übe nicht mit dem besten Material. Mach Probeexemplare aus billigem Stoff (alte Tshirts oder Bettwäsche eignet sich gut…), probier dein Vorhaben auf billigem Material aus… Übung macht den Meister. Übung und Routine helfen uns abschätzen, wo die Probleme liegen könnten, und wie wir sie lösen können.

Die Frage nach dem Danach

Auch die paradoxe Angst vor dem Erreichen unseres Ziels lässt sich überwinden. Im Grunde macht uns das Ungewisse Sorgen. das Danach. Bis das Ziel erreicht ist, haben wir ein Ziel. Und dann? Da hilft nur weitermachen und zu vertrauen. Danach kommt wieder etwas. Egal was. Wir müssen es nur wieder beginnen.

UFOs (UnFertige Objekte)

Ich hasse es, wenn ich unfertige Projekte habe. Wie ein ständig mahnender Nörgler sitzen mir diese verwaisten Arbeiten im Nacken und wollen mir glaubhaft machen, dass ich nie etwas zustande bringe. Wenn ich dann wieder etwas nicht zuende bringe, gibt mir das für einen kurzen Moment die paradoxe Genugtuung, Recht behalten zu haben, mit meiner pessimistischen Vorhersage. Ich achte darauf, dass die Unfertigen nicht überhand nehmen. Beginne die neue Strickarbeit erst, wenn die alte fertig ist. Auch wenn das neue Garn viel mehr lockt im Moment. Wenn die Ideen für neue Arbeiten trotzdem überschäumen, skizziere oder notiere ich sie, so dass ich später darauf zurückgreifen und mich wieder aufs laufende Projekt konzentrieren kann.

Wenn es dir auch so geht, dann gib dir einen Tritt, strick den Pullover zuende oder ribble ihn auf, wenn er dir eigentlich nicht wirlich gefällt. Schreib die Kurzgeschichte fertig, egal wie doof du sie findest. Stelle die angefange Karte fertig, egal wie sie rauskommt und leg sie „ad acta“. Räume auf, lass los was dich belastet. Beende was du begonnen hast, auch wenn es nicht perfekt wird. Wenn du das Bedürfnis hast, kannst du es ja jederzeit nochmals versuchen und die gesammelten Erfahrungen einfliessen lassen. Mach dich frei für Neues.

Los!

Wichtig ist es anzufangen. Den ersten Schritt zu wagen, den ersten Strich aufs weisse Blatt zu ziehen… Alles andere kommt. Nicht von selbst, nicht automatisch, aber es kommt. Du musst nur dranbleiben, wie der Marathonläufer, der sich nicht beeindrucken lässt, von den „besseren“ Läufern, die ihn überholen. Das wichtigste ist, dass er läuft. So kommt er seinem Ziel Schritt für Schritt näher.

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